Was macht eine Alltagsszene malenswert? Oder anders gefragt: Woran erkennen Sie, dass eine Szene ein Gemälde werden sollte?
Etwas fällt mir ins Auge, oft nur am Rand meines Blickfelds. Entweder tut jemand etwas, das ich lustig finde, oder das Licht trifft auf interessante Weise auf einen Gegenstand. Meist ist es eine Szene, die auf den ersten Blick gewöhnlich wirkt, aber irgendetwas daran stimmt nicht ganz. Ein falsch platzierter Plastikstuhl, eine Reihe von sechzehn identischen Pints, oder ein hart wirkender Typ, der etwas überraschend Sanftes tut, wie in Soft (2026). Manchmal ist es einfach etwas Vertrautes, das Nostalgie oder Empathie weckt.

Gibt es ein Ritual des britischen Sommers, das Sie unaufhörlich fasziniert?
Die Kultur des ganztägigen Trinkens, Pubgärten, Fußball (auch wenn mich das nicht interessiert), Wimbledon (ebenso), Grillen und Sonnenbrand. Alle scheinen besser gelaunt zu sein. Für mich geht es dabei eher darum, diese Atmosphäre festzuhalten, als um ein bestimmtes Ritual.

Gibt es wiederkehrende Verhaltensweisen oder soziale Rituale, zu denen Sie immer wieder zurückkehren?
Kleine Freuden wie ein Eis oder ein Pint, und der Pub im Allgemeinen. Mich zieht auch die eintönige, sich wiederholende Routine an: Bus, Zug oder U-Bahn, ein unbefriedigender Job, dann nach Hause zum Schlafen.
Welche Details übersehen die meisten Menschen, die Ihnen sofort ins Auge fallen?
Die erschöpften Gesichter von Menschen auf einem langen Arbeitsweg. Menschen, die ihre Gefühle nicht verbergen. Kleine Alltagskomödien, wie ein mit dem Finger auf einen Donut gemaltes Smiley. Müll auf der Straße, seltsam entsorgte Gegenstände, Hunde in Pubs, Hunde, die im Auto zurückgelassen werden oder vor dem Supermarkt auf ihre Besitzer warten. Surreale Gegensätze oder banale Zufallsmomente: eine halbleere Weinflasche, die im Supermarktregal vergessen wurde, oder ein englisches Frühstück, das auf den Gehweg gefallen ist, während eine Möwe sich darüber hermacht.

Verspüren Sie eine gewisse Verantwortung, das gewöhnliche Leben festzuhalten, bevor es verschwindet oder sich verändert? Wenn ja, warum?
Auf jeden Fall. Es verändert sich ständig. Ich kann bereits mit Nostalgie an eine Zeit vor Vapes, sozialen Medien und Influencern zurückblicken. Aber genau diese Welt male ich jetzt, und hoffentlich wird auch sie eines Tages nostalgisch wirken.
Gibt es eine Sommererinnerung aus Ihrem eigenen Leben, die diese Serie im Stillen beeinflusst hat?
Mein Geburtstag ist im Juli, deshalb hatte ich schon immer eine Schwäche für den Sommer. In der Grundschule zogen wir karierte Sommerkleider an, spielten nach der Schule mit Freunden im Park, kletterten auf Bäume, klebten uns gegenseitig Klettenlabkraut auf die Kleidung und lieferten uns Wasserschlachten. Es war eine Zeit ohne Büroalltag und verschwitzte Arbeitswege.

Ihre Kompositionen wirken oft filmisch. Gibt es Filmemacher oder Fotografen, die geprägt haben, wie Sie den Alltag einrahmen?
Ich lasse mich stark von John Wilsons Dokumentationen, Martin Parrs intimen, satirischen, anthropologischen Fotografien sowie von Filmen von Sofia Coppola und Spike Lee inspirieren. Ich zoome oft in eine Szene hinein, eine Technik, die ich mir wohl vom Film abgeschaut habe.
Öffentliche Räume spielen eine zentrale Rolle in Ihren Gemälden. Was interessiert Sie an diesem stillen Schauspiel von Fremden, die sich denselben Ort teilen?
Im Alltag spielen sich die banalsten Momente oft außerhalb der eigenen vier Wände ab, auf dem Weg zur Arbeit oder bei Besorgungen. Es ist mir wichtig, dass sich die Menschen darin wiedererkennen, aber sie tun eben auch merkwürdige Dinge. Selbst wenn niemand in einer Szene zu sehen ist, können Spuren ihrer Anwesenheit zurückbleiben.

Wenn jemand in fünfzig Jahren auf diese Serie blicken würde, was sollte er oder sie über das heutige Großbritannien verstehen?
Für die nächsten fünfzig Jahre habe ich nicht viel Hoffnung. Vielleicht dokumentiere ich den Anfang vom Ende. Aber falls doch noch eine kleine Chance besteht, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, hoffe ich, dass diese Arbeiten weiterhin etwas mit den Menschen zu tun haben. Ich hoffe, dass es dann noch Pflanzen und Tiere gibt, die von der Klimakrise nicht ausgerottet wurden. Und ob der Sommer in fünfzig Jahren überhaupt noch angenehm sein wird? Wer weiß. Vielleicht sitzen wir dann alle drinnen fest, bei voll aufgedrehter Klimaanlage.
Was verraten diese Gemälde über den britischen Sommer, das ein Foto nicht könnte?
Meine Gemälde unterscheiden sich von den Originalfotos, auf denen sie basieren; Fotorealismus ist nicht mein Ziel. Farbe und Pinselstriche erzeugen Schichten und Texturen, die ein Foto nicht schaffen kann. While It's Nice Out entstand über Monate hinweg, Schicht für Schicht, wobei jeder Tag eine neue Erkenntnis brachte. Ich denke, das lädt dazu ein, länger hinzuschauen und nach und nach mehr Details zu entdecken.

Hat sich Ihre Vorstellung davon, was einen Moment „besonders" macht, verändert, nachdem Sie so viel Zeit damit verbracht haben, den Alltag zu beobachten?
Ich schaue Menschen mehr an als früher. Ich fotografiere ständig, fast schon zwanghaft. Die meisten Fotos werden nie verwendet, aber bestimmte Themen tauchen immer wieder auf: englische Flaggen, Haustiere und die seltsamen Dinge, die Menschen wegwerfen. Ich glaube, die besten Momente haben einen Hauch von Surrealem oder Deplatziertem. Sie sind vertraut, aber gerade unheimlich genug, um einen zweiten Blick zu verdienen.
While It's Nice Out von Bianca MacCall: das Wichtigste in Kürze
Diese Serie erkundet den englischen Sommer im urbanen Raum, gelegentlich mit kleinen Einblicken in die Natur mitten in der Stadt. Diese Bilder halten Momente des Innehaltens fest, kurze Fluchten aus dem Arbeitsalltag. Die Szenen sind sonnendurchflutet und wirken auf den ersten Blick heiter, doch die kühle Farbpalette verleiht ihnen eine unterschwellige Melancholie. Sie feiern die stillen Rituale und flüchtigen Absurditäten des Alltags und fragen zugleich, wie schnell sich die Welt um uns herum verändert.
