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Grundlagen der Kunst

Der Akt in der Kunst

Die Darstellung von Nacktheit in der Kunst kann auf eine dramatische Geschichte zurückblicken. Sie hat zu einer unglaublichen Vielfalt an Kunstwerken geführt, die sich mit den Themen der Körperlichkeit und soziokulturellen Identität befassen.

Von Rise Art

Von den frühsten paläolithischen Skulpturen bis zu den soziokulturellen Botschaften der Gegenwartskunst wurde die Nacktheit von Künstlern in einer Vielzahl kreativer Ausdrucksformen dargestellt. Erfahren Sie in unserem Guide zur Aktkunst, inwiefern die Darstellung des menschlichen Körpers für unser Verständnis der Kunstgeschichte und unseres Alltags entscheidend ist. Wenn Sie Aktkunst kaufen möchten, sollten Sie einen Blick auf unsere Sammlung werfen.

 

I Was At A Loss von Kim Jae Jun

 

Wie hat sich der Akt in der Geschichte der Kunst entwickelt?

Nach aktuellem Stand sind Historiker der Meinung, dass Nacktheit in der Altsteinzeit vor etwa 25.000–28.000 Jahren erstmals künstlerisch dargestellt wurde. Eine der ältesten Darstellungen von Aktkunst wurden 1908 vom Archäologen Josef Szombathy entdeckt. Die winzige Statuette einer Frau, die Venus von Willendorf (ca. 25.000 BP), diente wahrscheinlich als Symbol der Fruchtbarkeit.

Während des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurde die Aktkunst auch im antiken Griechenland populär. Durch eine neue Sprache des Naturalismus und Realismus sowie das Streben nach anatomischem Wissen kam es zu einem extremen Fokus auf den Körper.

Im alten Griechenland stellten Aktskulpturen und -bilder häufig Fruchtbarkeitsgötter sowie heldenhafte, gottähnliche Vorbilder dar und dienten den alten Griechen größtenteils zu einem religiösen Zweck. 

 

Werden Männer und Frauen in der Aktkunst unterschiedlich dargestellt? 

In der Kunst wurden Frauen und Männer seit jeher äußerst unterschiedlich dargestellt. Insbesondere in Akten wurden Frauen in der Regel mit verführerisch großem Busen oder übertrieben gebärfreudigem Becken abgebildet, während Männer mit besonders athletischem, leicht bekleidetem Körper gezeigt wurden. Der Akt hat in diesem Sinne die geschlechtsspezifischen Rollenbilder und Erwartungen bereits seit der Altsteinzeit betont.

Heute ist die Aktkunst insbesondere in den feministischen Strömungen besonders weit verbreitet. Diese möchten den weiblichen Körper „zurückerobern“, indem sie ihn aus der Perspektive von Frauen zeigen. Der Akt wird häufig auch verwendet, um den Körper zu befreien. Nicht nur, um Tabus in Bezug auf die Sexualität zu brechen, sondern auch um die Darstellung des „idealen“ männlichen oder weiblichen Körpers in den modernen Medien kritisch zu hinterfragen.

 

Reclining Nude von Richard Colson

 

Wann wurde der Akt im modernen Europa populär? 

Anhand antiker Modelle geht man davon aus, dass die Aktkunst ihren Ursprung bereits im Italien des 13. Jahrhunderts hat. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts hatte sich die Aktmalerei und -bildhauerei zu einem Emblem der Antike entwickelt und wurde zur Darstellung ikonischer Reinkarnationen griechisch-römischer Kultur genutzt. 

Während der Renaissance breitete sich die Aktkunst weiter in Europa aus und wurde immer beliebter. Die klassischen Vorstellungen und Ideale in Bezug auf den Körper, mit denen sich schon die alten Griechen befasst hatten, erfuhren ein begeistertes Comeback. Die menschliche Physis diente der Darstellung reiner und rechtschaffener Moral- und Wertevorstellungen. Sie wurde nicht exakt nachgebildet, sondern zeigte mit einer gewissen Künstlichkeit vielmehr ästhetische Vorbilder.

 

Welche berühmten Aktskulpturen gibt es?

Laut dem Kunsthistoriker Sir Kenneth Clark ist die idealisierte Darstellung des menschlichen Körpers das Fundament der „wahren Aktkunst“. Nacktheit war und ist in vielen Kulturen und Gesellschaftsschichten „ein Mittel zur Bejahung des Glaubens in äußerster Perfektion“.

Der klassische „ideale Körper“ findet sich unter anderem in Michelangelos David (1501–1504). Lange davor entstand ein bemerkenswertes Aktkunstwerk der hellenischen Kultur, das aktuell im Louvre besichtigt werden kann: die Nike von Samothrake (ca. 200–190 v. Chr.)

 

Three Women and a Stroller von Malayka Gormally

 

Welche berühmten klassischen Aktgemälde gibt es?

Eines der am häufigsten zitierten Gemälde der Renaissance ist „Die Geburt der Venus“ (1485–1486) von Sandro Botticelli, das die Göttin der Liebe und Schönheit bei ihrer Landung am Strand von Zypern zeigt. In diesem Kunstwerk ist die ultimative Weiblichkeit, die in der klassischen Aktkunst häufig angestrebt wird, in perfekter Weise zusammengefasst.

Weitere berühmte klassische Aktgemälde sind unter anderem „Die drei Grazien“ von Peter Paul Rubens (1635), „Die nackte Maja“ (ca. 1797–1800) von Francisco Goya, „Die schlafende Nackte“ von Gustave Courbet (1862) und später „Danaë“ (1907) von Gustav Klimt. 

 

Welche berühmten zeitgenössischen Aktgemälde gibt es? 

In der zeitgenössischen Kunst wurde der Akt experimenteller. Strömungen wie der abstrakte Expressionismus und die Pop-Art brachen mit den klassischen Normen der Ästhetik und stellten die geschlechtlichen und körperlichen Stereotype infrage.

Der „Vater der zeitgenössischen Kunst“, Marcel Duchamp, malte den „Akt, eine Treppe herabsteigend“. Dieses Gemälde war wegen Duchamps totaler Ablehnung konventioneller Ästhetiknormen eine Sensation. Zunächst wurde das Werk von seinen kubistischen Malerkollegen heftig kritisiert, die sogar verboten, das Bild auszustellen. Die Begründung lautete „ein Akt steigt niemals eine Treppe herab, ein Akt liegt“. Trotz ihrer Bemühungen, das Bild zu zensieren, wurde „Akt, die Treppe herabsteigend“ zu einem der meistverehrten modernen Kunstwerke aller Zeiten.

 

Soaring Girls von Grigorii Pavlychev

 

Akte von der Mitte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts 

Ebenfalls erwähnenswert sind „Great American Nude #92“ (1967) des Pop-Art-Künstlers Tom Wesselmann sowie „Benefits Supervisor Sleeping“ (1995) von Lucian Freud. Beide wurden kontrovers diskutiert, da sie die traditionellen künstlerischen Normen und Vorstellungen in Bezug auf die Gesellschaftsschichten und populäre Kultur infrage stellten.

Ein weiterer subversiver Akt der Gegenwartskunst ist „A Little Taste Outside of Love“ (1971) von Mickalene Thomas. Die afroamerikanische Künstlerin Mickalene Thomas malt die schwarze Identität in die Kunstgeschichte hinein, indem sie nackte schwarze Frauen in denselben Posen wie Frauen in Kunstwerken klassischer Künstler abbildet. Davor hatten Aktbilder, die von der Öffentlichkeit gelobt oder ausgestellt wurden, ausschließlich weiße Frauen als Motiv und die einzigen genannten oder ausgestellten Aktmaler waren weiße Männer.

 

Ist der Akt immer noch von Bedeutung? 

Akte sind auch heute immer noch von Bedeutung. Sie werden häufig verwendet, um auf wichtige populäre Themen aufmerksam zu machen, insbesondere in Bezug auf Gender und Ethik.

1985 wurde in New York eine Gruppe anonymer feministischer Künstlerinnen namens Guerilla Girls gegründet. Sie hatten es sich zur Mission gemacht, das geschlechterspezifische und ethische Ungleichgewicht in der Kunst zu offenbaren. Dadurch wollten sie größere Vielfalt und Repräsentation in Kunst, Politik, Film und in der Popkultur hinsichtlich Genderhintergrund und ethnischer Zugehörigkeit fördern.

Eines der bis dato berühmtesten Kunstwerke ist „Do Women Have To Be Naked To Get Into the Met. Museum?“ (Müssen Frauen nackt sein, um ins New Yorker Met. Museum zu kommen?). Das war ein außergewöhnlicher Konter, nicht nur gegen den männlichen Voyeurismus in der Kunst, sondern auch gegen die Art und Weise, wie männliche Künstler die Branche dominieren.

Neorealistische figurative Künstler und Künstlerinnen wie Jenny Saville führen diesen Dialog bis heute weiter. Savilles fleischliche, groteske Darstellungen von Frauen, ganz im Stil von Lucian Freud, hinterfragen die modernen Erwartungen und Vorstellungen in Bezug auf den weiblichen Körper.

 

Fallen von Richard Storey

 

Auch heute ist der menschliche Körper ein hervorstechendes Thema in der internationalen Kunst. Der Körper dient als Ausdrucksmittel für unterschiedlichste soziokulturelle Botschaften und ist entscheidend für unser Verständnis der vielen Facetten von Identität – ob Gender, Sexualität oder ethnische Zugehörigkeit.

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Weiterführende Literatur

 

 

 

 

 

 

 

 

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